Hallo liebe/r  Interessierte/r,

 

und so hat sie wieder begonnen, die Zeit des Moto-Taxi-Fahrens, der staubigen FlipFlops, der liebevollen Gastfreundschaft. Die Zeit, in der wir auf Nachfrage vieler Interessierter immer einen Boyfriend haben, der juckenden Stiche und des ständigen Lachens.

Die Reisezeit.

Nachdem ihr das letzte Mal vom Frankfurter Flughafen aus von uns hörtet, melden wir uns nun von unserem neuen Domizil bei Akagera in Ruanda aus. Hier haben wir uns auch noch etwas mehr Zeit gegönnt, als für den ersten, der (ein Hoch auf den Schreibmaschinenkurs, den Mama und Papa mir einst dringlich empfahlen) dann doch mit recht flinker Hand getippt wurde. Außerdem könnt ihr diesmal von unseren unterschiedlichen Perspektiven profitieren, teils auch von den selben Sachbeständen. Was (wie diese Zeilen) in dunkelblau formuliert ist stammt von mir, Eva, die grüne Schrift aus Hannas Feder.

 

Tipp: Wer den ersten Newsletter noch nicht gelesen hat, sollte dies für sinnvolle Hintergrundinfos vllt. noch tun, also gebt gern nochmal Bescheid, falls ihr den noch braucht. Außerdem bietet es sich für den vollen Augenschmaus sehr an, den Bericht auf dem Laptop oder Computer zu öffnen.

 

Außerdem hat sich heraus gestellt, dass ein weiteres, wirklich sinnvolles Gut für die Mädchen und jungen Frauen englischsprachige Bücher und Hefte sein könnten. Da unsere Freundin Katja später zu uns stoßen wird, besteht über sie also tatsächlich die Möglichkeit, noch einige von diesen mitzubringen. Solltet ihr also derartige Bücher (am besten: interessante, kurze Geschichten, etwas über den Körper bzw. in Richtung Medizin, Englischlernmaterial, alles in einfacher Sprache, anfängerfreundlich) zu hause haben, gebt uns gern Bescheid! Auch Tipps für Neuanschaffungen nehmen wir gern entgegen. Am besten mir, Eva, per WhatsApp oder Signal an die +49 159 06500910. Wir organisieren noch, wie die Bücher dann zu Katja kommen könnten oder wer das koordiniert :) Sammelstellen sind vermutlich in Chemnitz und Würzburg bis zum 29. Juli. Aber gebt gern zeitnah bescheid.

Unsere Flüge nach Kairo und Kigali verliefen also ohne Probleme, wir konnten gleich zweimal Flugzeugessen genießen (was selbstredend auch ohne jegliches Hungergefühl noch vollständig verputzt wurde, wer weiß, wann’s wieder was gibt ;)) und uns die nächste Nackenstarre organisieren.

 

Den schwarzen Pullover, den ihr hier noch in seiner Kernkompetenz als Kopfkissen begutachten dürft, sahen wir hier auch zum letzten Mal. An der Stelle also: Sorry, Mama! Ich weiß, du hast mich extra nochmal vor deinen vergesslichen Genen gewarnt, aber meine Konzentration lag voll darauf, die beiden Pässe als auch Hanna nicht zu verlieren, ich fürchte, weiter als drei reicht meine Kapazität da nicht…

Während wir gegen 2 bis 7 Uhr am Dienstag Morgen am Flughafen in Kigali sitzen und die letzten Stunden vom W-Lan profitieren, sprechen uns verschiedene Taxi-Fahrer an, ob wir wohin wollten. Nein, danke, unsere Freunde würden uns abholen kommen. "Unsere Freunde", die wir zwar noch nie in echt gesehen haben, nur über einen Video-Call und einige Textnachrichten flüchtig kennen, doch denen wir beschließen, zu vertrauen. Quasi unser einziger Kontakt im Land. Unser Sicherheitsanker an einem völlig neuen Ort. Selbst als sie sich um eine Stunde verspäten, bleiben wir völlig entspannt. Von einer deutschen Zeitrechnung waren wir ohnehin nicht ausgegangen. Und sie kommen. 3 Menschen mit einem Auto, wo wir mit unserem Gepäck nur gerade so herein passen. Auf der Fahrt zur Hirwa Children's Foundation schlafe ich fast die ganze Zeit. Wie schade eigentlich, wollte ich doch gern die Landschaft und die Lebensweise bereits ein wenig aufsaugen. Wollte ich erspüren, wie hier alles ist. Doch die Nacht war einfach zu kurz, der Sitz im Flieger nur mäßig bequem und so tut es nun also diese Rückbank.

Wie schon manchmal auf so einer Reise, ist die erste Fahrt hier immer aufregend für mich, da wünscht man sich manchmal doch, keinen Führerschein zu haben und nicht einschätzen zu können, wie knapp etwas tatsächlich werden könnte. Um euch Zahlen, Daten, Fakten bieten zu können, begann ich mitzuzählen, wie oft der Fahrer die Hupe betätigte, bei ca. 20 schlief ich allerdings ein, vielleicht kann ich die Zahlen eines Tages nachreichen.

John, den Gründer und Leiter der „Hirwa Children Foundation“ lernten wir dann unterwegs persönlich kennen. Da wir keinerlei Vorstellung hatten, wie der Ort, den wir zu unserem Ziel erkoren hatten, eigentlich aussehen würde, hielten wir den Platz, an dem wir uns das erste Mal trafen für seine Organisation. Dass es sich hierbei tatsächlich um ein Gefängnis handelte, erkannten wir erst, als die ersten Insassen in Handschellen an uns vorbei geführt worden. Aber es wird wohl nicht das letzte Fettnäpfchen bleiben, in das wir während unserer Reise mit lautem Platsch treten.

 

In der tatsächlichen Organisation angekommen, werden wir mit gutem Essen verköstigt. Gleich am ersten Tag dürfen wir - nach einem weiteren ausgiebigen Mittagsschlaf - unsere Spenden präsentieren. Oh, wie herrlich ist es doch, mit den Leitern und insbesondere Leiterinnen dort an diesem Tisch unter diesem Avocado-Baum zu sitzen und erst die Menstruationstassen und später auch die mathematisch-didaktischen Schätze in Ruhe vorzustellen. So viele Fragen (vor allem von den männlichen Mitarbeitern) werden uns entgegen gebracht. So viel Lachen in alle dem, weil eine angenehme Leichtigkeit über allem schwebt. Eine Frau trägt ein Shirt über Menstrual Hygiene, wir setzen mit unserem Projekt also bereits an Bestehendem an. Und gleichzeitig gibt es einen gewissen Respekt vor der konkreten Anwendung. Alle Frauen bekommen ein Exemplar, auch die liebenswerte Annick aus der Küche und dem Touristenshop hier.

Die Organisation hier erwirtschaftet Geld, indem sie Übernachtungen, Nationalpark-Führungen und regionale Kunst für Touristen anbietet. Die Einnahmen dienen direkt als Finanzierungsquelle für die Grundschule auf dem Gelände aber auch, um mehr Menschen eine Krankenversicherung zu ermöglichen. Denn die 3 Dollar pro Jahr sind für manche nicht machbar. Gleichzeitig bietet sie vielen Menschen aus der ländlichen Region die Möglichkeit für eine bezahlte Tätigkeit. 

Ich mag den Kontakt mit John, seine ruhige Art. Ich bekam Tränen in den Augen als er meine Vermutung bestätigte, dass es hier auf dem Gelände so sicher ist, weil die Menschen wissen, dass das, was hier geschieht, zu ihrem besten dient. Die Hängematte bleibt über Nacht draußen. Die Türe zum Büro (und auch zu unserem eigenen Zimmer) ist die ganze Zeit offen. Das finde ich, besonders im Anbetracht der starken Vermögensunterschiede, wirklich alles andere als selbstverständlich. Und ja, bei längerer Abwesenheit und nachts schließen wir ab bzw. schieben wir von innen einen Riegel vor, wie zuhause bestens gelernt.

 

Was mich, als verifizierte Bademaus, auf den trockenen Boden der Tatsachen zurück brachte, war die Erkenntnis, dass wir hier in den 2 heißesten Monaten unseres Jahres nicht einmal ins kühle Nass springen werden können. Das nächste Gewässer befindet sich im 7 Kilometer entfernten Nationalpark. Als wir John fragten, ob man dort denn Abkühlung finden könnte, lachte er nur und sprach von einem „Shortcut to heaven“. Krokodile, Nilpferde und andere gefährliche Freunde würden den Badespaß wohl schneller beenden, als jeder Bademeister, wenn man vom Beckenrand springt. Ich kann mich nun ja einfach auf die Bade- und Duschmöglichkeiten in Deutschland freuen, den Menschen hier im Dorf, ist dieses Privileg aber nicht vergönnt. Die Temperaturen, die in Deutschland als Hitzewelle Smalltalk-Gesprächsthema Nummer 1 waren, sind hier Arbeitsalltag, der ohne jegliches fließendes Wasser (sprich mit mehrmaligem, täglichem Wasserholen) bewältigt wird.

Unser Kurs für die 18 jungen Frauen im Alter zwischen 14 und 22 Jahren begann dann auch direkt am zweiten Tag. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. In Brasilien wartete ich zwei Wochen, eher sich irgendetwas tat. Einige laufen insgesamt über 10km, um dabei zu sein. Ich hatte direkt am ersten Tag phasenweise überall Gänsehaut am Körper beim Sprechen über den Selbstwert gepaart mit Erlebnissen aus meiner eigenen Biographie. Ja, diese Gänsehaut, dieses Kribbeln nehme ich in den kommenden Tagen häufiger wahr. Fast jedes Mal in unserem Kurs. Und auch die Tränen gehörten für mich zur Reise dazu. Kein stundenlanges, verzweifeltes Weinen (mehr), viel mehr ein kurzes Bemerken einer tiefen Ergriffenheit und vermutlich auch starken Sehnsucht. Es ist schön, so lebendig zu sein und ich liebe es, meinen Körper, also mich, so dabei zu haben, statt nur einfach irgendetwas zu tun.

 

Für die ersten Tage unseres Kurses können wir wirklich sehr dankbar sein. Die Mädchen und jungen Frauen sind motiviert und interessiert dabei, stellen ehrliche Fragen (die oft auch beinhalten, ob Hanna WIRKLICH schon 31 Jahre alt ist) und teilen ihre Gedanken mit uns. Nachdem am Dienstag „Selbstbewusstsein“ das Thema war, erzählte ein Mädchen am Tag darauf, dass sie davon träumt, eines Tages eine selbstbewusste Person zu werden. Das war wohl eines meiner persönlichen Highlights. Wahrscheinlich deshalb, weil ich diesen Wunsch für sie, und jede der anderen Frauen hier, von Herzen teile.

Nachdem unser Kurs also Mittwoch und Donnerstag gut begonnen hatte, musste er am Freitag sogleich pausieren, wahrscheinlich, weil Hannas deutscher Verdauungstrakt dem hiesigen, ungekühlten (die Poirots unter euch konnten sich denken: hier gibt es keine Elektrizität und also keinen Kühlschrank) Fleisch nicht gewachsen war. 
Während Hanna am Freitag also noch damit beschäftigt war, von einer großen Flasche Wasser, die sie am Stück trinken könnte, zu träumen, hielten die jungen Frauen und ich eine English-Lesson ab. Nicht nur für den Kontakt mit möglichen Touristen, sondern auch für den Traum einiger, eines Tages an der Universität studieren zu können, brauchen sie ausreichende Englisch-Kenntnisse, weshalb sie sehr motiviert sind, mehr zu lernen. Dass mir meine paar Wörter die ich auf kinyarwanda sprechen kann (noch dazu vor allem über das hiesige Essen), kaum halfen, könnt ihr euch vorstellen. 
Aber wozu hat man schließlich seine vier Gliedmaßen, wenn nicht um Tiere, Mobiliar und Familienmitglieder darzustellen?

Ich habe mir (wahrscheinlich während meiner Nacht auf dem Boden vor dem schützenden Innenzelt, um mich nicht bei Hanna anzustecken) nun noch einen eigenen Freund zugelegt. Klein, ehemaliger Zirkusstar und mit einer enormen Sprungkraft ausgestattet. John meinte aber, es ist kein Problem und da wir die meisten der im Internet offerierten Tipps eh nicht anwenden können, warten wir nun einfach weiter ab. Komischerweise ist Hanna bisher unversehrt geblieben was das angeht, möge es so bleiben.

 

Zwischenzeitlich ploppen bei mir so manche Fragen auf, warum genau ich nun hier bin und was genau unser Tun bewirkt. Diese Fragen kenne ich aus der letzten Reise nach Brasilien bereits und sie gehören für mich scheinbar mit zu(m Beginn) einer Reise dazu. Gleichzeitig bewirken sie oft eine größere Nachhaltigkeit, weil ich eben noch ein paar Gedankenschleifen mehr drehe, über das, was sinnvoll und möglich ist. Vermutlich braucht es auch eben genau diesen Moment der köstlichen Unwissenheit. Des 'erst einmal Sehen wollen', was hier gerade eigentlich ist. Diesen Moment, des Loslassens. Sich einlassen... Raus aus den eigenen Konzepten und Ideen, rein in die tatsächliche Realität.

 

Meistens empfinde ich die Fragen als konstruktiv und eher forschend-fragend, statt vordergründig quengelnd und Ausdruck eines 'Ich will gerade wo anders sein." Gut, vielleicht nicht unbedingt während der 28h, die ich nur mit Übelkeit und Erbrechen liegend verbrachte. Doch auch so etwas geht ja wieder vorbei. Und wie liebevoll, wenn einem die kleine Schwester die Haare hält.

Auf dem Weg in die Stadt, nutzen wir am Wochenende dann mehrmals die sogenannten „Moto-Taxis“, die wir ja bereits aus Brasilien kannten. Ein Motorroller, der hierzulande tatsächlich nur zu zweit gefahren werden darf (was mittelmäßig ernst genommen wird) und einen flink an das gewünschte Ziel bringt. Für mich immer ein bisschen wie Achterbahn fahren, nur günstiger und mit echter Angst. Gleichzeitig aber auch eine eindrückliche Erinnerung, dass unser eigenes Leben und Ableben doch so  wenig in unserer eigenen Macht steht. Wie so vieles, das wir (gerade als Deutsche gern) zu kontrollieren und bestimmen scheinen, wobei diese Macht schlussendlich wohl doch nur eine Illusion ist. @Mama und Papa: Ihr braucht euch diesbezüglich aber GAR keine Sorgen machen, denn jedes Moto-Taxi ist ja mit einer Hupe und einem ca. Elefantenkopfgroßen Helm pro Fahrgast ausgestattet, also alles super Safe hier.
Kurzum: Wir lieben es sehr!

Am ersten Wochenende fuhren wir mit den Moto-Taxis in eine Kleinstadt in der Nähe. Dort gibt es deutlich mehr Wasser, sodass wir diese Gelegenheit gleich nutzen, um einmal unsere komplette Schmutzwäsche in einer großen Schüssel zu waschen und uns anschließend an dem riesigen Abwaschberg dort ordentlich auszutoben (gleiche Schüssel). Als mir am nächsten Morgen sogar etwas Wasser auf dem Gaskocher erhitzt wurde, sodass ich es mit einem Plastikbecher schöpfend zum Waschen der Haare verwenden konnte, fühle ich mich direkt wie in einem 5 Sterne Hotel. :)


Wir besuchen die regionale Kirche gemeinsam mit über 1000 Menschen. Einer von 4 Gottesdiensten an dem Tag. Viele Chöre - die meisten bestehend aus ca. 50 Personen - singen von vorne aus. Als ich mich nach der Toilette durchfrage, werde ich von einem der Leiter abgefangen und auf ein sehr sauberes Klo gebracht. Etwas traurig macht es mich, dieses Gefühl, eine Extrawurst zu bekommen. Vermutlich, weil ich eine Weiße bin. Ein Abazungu.

Und gestern gab es definitiv ein großes "Wow!" als die Frauen sich nach dem Menstruationsmaterial erkundigten und wann sie dieses bekommen werden. Annick, unsere Freundin aus der Küche, stattete unserem Kurs spontan einen Besuch ab und berichtete sehr lebhaft und mit viel Lachen zwischendurch von ihren ersten Erfahrungen.

Natürlich verstanden wir kein Wort, doch die Atmosphäre zu erleben, war einmalig. Gebannt scharten die Frauen sich um sie und hingen an ihren Lippen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde über ein spannendes Geheimnis geplaudert und gleichzeitig blickten Eva und ich uns an, weil wir beide natürlich begriffen, wie genial das war, was da gerade geschah. Eine Frau aus ihrer Kultur sollte ihnen am besten berichten. Eine Frau auf ihrer Sprache. Eine Frau, die selbst vor wenigen Tagen noch ziemlich skeptisch und auch etwas ängstlich darüber war... Und genau das, was wir uns gewünscht und erhofft hatten, fand da gerade statt und wir waren live dabei. Wir überlegten ein Foto zu machen, doch der Moment war zu kostbar und die Atmosphäre zu intim. So können wir euch nur berichten davon. Können euch nur berichten in tiefer Dankbarkeit, dass auch ihr ein Teil davon seid, dass auch ihr Vertrauen in uns hattet und habt, dass ihr Anteil nehmt an unserem Tun! So wie John, der uns die Räume zur Verfügung stellt, die Übersetzung organisiert und die Frauen über unseren Kurs informiert. So wie Annick, die sich eingelassen hat, etwas ganz neues auszuprobieren und sich damit vor den anderen Frauen zu zeigen. Die Tassen gehen also Stück für Stück und von uns und ruandischen Frauen informativ begleitet an die Mädchen und Frauen vor Ort. Doch von den über 200 sind noch etliche übrig. Wie gut also, dass wir noch eine Weile im Land sind.

Ihr seht, uns geht es hier sehr gut und wir sind nicht nur im Land, sondern auch in unserem Tun schon erstaunlich schnell angekommen.
Nicht desto trotz denke und träume ich sehr oft an und von meinen Liebsten zuhause. Von euch zu hören, freut uns also auch immer, selbst wenn die Antworten evtl. länger dauern als gewöhnlich, scheut euch nicht uns zu schreiben. Und wenn es nur Feedback wie „Euer Newsletter ist viel zu lang, das liest keine Sau!“ ist :)

 

Fühlt euch gegrüßt und wenn ihr wollt geküsst von euren staubigen Reisemäusen.

Muraveho, Hanna und Eva!